Knusprig, goldbraun gebacken und mit verlockenden Begriffen wie „Balance“, „Fit“ oder „Natur“ versehen – Granola-Produkte präsentieren sich im Supermarktregal als perfekte Wahl für einen gesunden Start in den Tag. Doch hinter den wohlklingenden Namen verbirgt sich häufig eine Realität, die wenig mit ausgewogener Ernährung zu tun hat. Tatsächlich entpuppen sich manche dieser vermeintlich gesunden Frühstücksflocken als Zucker- und Fettbomben, die mehr mit Süßigkeiten gemein haben als mit vollwertiger Nahrung.
Die Psychologie hinter verlockenden Produktnamen
Verkaufsbezeichnungen sind keine zufällig gewählten Wortkombinationen. Sie werden strategisch entwickelt, um bestimmte Assoziationen im Kopf der Verbraucher zu wecken. Begriffe wie „Protein-Power“, „Vitality“, „Wellness“ oder „Pure Nature“ suggerieren Eigenschaften, die das Produkt möglicherweise gar nicht erfüllt. Ein dokumentierter Fall zeigt dies deutlich: Ein Granola-Produkt wirbt mit „Ancient Grains“ und Kokosöl statt Palmöl, enthält aber 21 Gramm Zucker pro 100 Gramm und erhält dadurch ein ungünstiges Nutri-Score-Ergebnis der Kategorie D.
Diese sprachlichen Kunstgriffe zielen darauf ab, unser Unterbewusstsein anzusprechen und Kaufentscheidungen zu beeinflussen, noch bevor wir einen Blick auf die tatsächliche Zutatenliste geworfen haben. Wer morgens bewusst zum vermeintlich nahrhaften Müsli greift statt zur Schokolade, fühlt sich auf der sicheren Seite. Diese Selbsttäuschung wird durch cleveres Marketing aktiv gefördert und ausgenutzt.
Die Wahrheit über den Zuckergehalt
Ein genauer Blick auf die Nährwerttabelle offenbart ein differenziertes Bild. Nach einer systematischen Marktanalyse von 684 Müsli- und Cerealien-Produkten liegt der durchschnittliche Zuckergehalt bei 15,7 Gramm pro 100 Gramm. Etwa 75 Prozent aller Produkte enthalten maximal 20 Gramm Zucker pro 100 Gramm. Das bedeutet jedoch auch: Ein Viertel der Produkte liegt darüber, und etwa 7 Prozent enthalten sogar mehr als 25 Gramm Zucker pro 100 Gramm.
Diese Zahlen zeigen, dass es erhebliche Unterschiede zwischen den Produkten gibt. Während manche Granola-Varianten mit unter 10 Gramm Zucker pro 100 Gramm auskommen, erreichen andere Werte von über 20 Gramm. Bei einer typischen Portion von 60 bis 80 Gramm können die zucker-reicheren Produkte bereits einen erheblichen Teil des empfohlenen Tageslimits abdecken.
Das Problem verschärft sich dadurch, dass Zucker in der Zutatenliste unter verschiedensten Bezeichnungen auftaucht. Honig, Agavendicksaft, Reissirup, Gerstenmalzextrakt oder Kokosblütenzucker klingen natürlicher und gesünder als weißer Kristallzucker – für den Körper macht das jedoch kaum einen Unterschied. Alle diese Süßungsmittel treiben den Blutzuckerspiegel in die Höhe und liefern leere Kalorien.
Versteckte Zuckerfallen erkennen
Besonders tückisch ist die Aufspaltung von Zucker in mehrere Komponenten. Wenn in der Zutatenliste an Position vier Honig steht, an Position sieben Glukosesirup und an Position neun Rohrzucker, erweckt das den Eindruck, als seien nur geringe Mengen enthalten. Würde man alle Zuckerarten zusammenrechnen, stünde Zucker womöglich an zweiter oder sogar erster Stelle – eine Information, die Hersteller verständlicherweise lieber verschleiern.
Das unterschätzte Fettproblem
Während der Fokus bei Gesundheitsdiskussionen oft auf Zucker liegt, wird der Fettgehalt von Granola häufig übersehen. Die Marktanalyse zeigt, dass der durchschnittliche Fettgehalt bei Müslis und Cerealien knapp unter 11 Gramm pro 100 Gramm liegt. Über 91 Prozent aller Produkte enthalten maximal 20 Gramm Fett pro 100 Gramm.
Allerdings gibt es auch hier deutliche Ausreißer nach oben. Spezialisierte Produkte mit hohem Anteil an Kernen und Saaten können bis zu 36 Gramm Fett pro 100 Gramm enthalten. Während andere Granola-Varianten mit etwa 8 bis 10 Gramm Fett auskommen, erreichen fettreichere Produkte Werte, die bei einer normalen Portion bereits einen erheblichen Teil des Tagesbedarfs decken.
Zwar wird argumentiert, dass die verwendeten Pflanzenöle und Nüsse „gesunde“ Fette liefern. Diese Aussage ist jedoch differenziert zu betrachten. Erstens kommt es stark auf die Art und Qualität der Fette an. Palmöl oder hocherhitzte Pflanzenöle haben deutlich andere Eigenschaften als kaltgepresste Nussöle. Zweitens macht auch bei gesunden Fetten die Dosis das Gift – übermäßiger Konsum führt unweigerlich zu einer positiven Kalorienbilanz und damit zu Gewichtszunahme.
Wenn Verpackungsdesign die Realität verzerrt
Die visuelle Gestaltung von Granola-Verpackungen unterstützt die irreführende Namensgebung perfekt. Erdtöne, Bilder von Getreidefeldern, Abbildungen frischer Früchte und sportlicher Menschen zeichnen ein Bild von Natürlichkeit und Vitalität. Diese Bildsprache verstärkt die durch den Produktnamen geweckten positiven Assoziationen und lenkt von den problematischen Inhaltsstoffen ab.
Gesetzlich vorgeschriebene Nährwertangaben werden häufig in kleiner Schrift auf der Rückseite platziert, während auf der Vorderseite großformatig mit Begriffen wie „Vollkorn“, „mit echten Früchten“ oder „Ballaststoffquelle“ geworben wird. Diese Informationen sind zwar nicht falsch, verschleiern aber geschickt die weniger vorteilhaften Eigenschaften.

Rechtliche Graubereiche und Verbraucherschutz
Die Gesetzgebung zur Lebensmittelkennzeichnung versucht zwar, irreführende Werbung zu verhindern, doch die Realität zeigt erhebliche Lücken. Solange keine expliziten Gesundheitsversprechen gemacht werden, bewegen sich suggestive Produktnamen meist im rechtlichen Rahmen. Der Begriff „Balance“ beispielsweise ist nicht geschützt und kann verwendet werden, selbst wenn das Produkt ernährungsphysiologisch völlig unausgewogen ist.
Verbraucherschützer fordern seit Jahren strengere Regelungen und eine verbraucherfreundlichere Kennzeichnung. Ampelsysteme, die auf einen Blick zeigen, ob ein Produkt viel oder wenig Zucker, Fett und Salz enthält, könnten hier Abhilfe schaffen – treffen jedoch auf massiven Widerstand der Lebensmittelindustrie.
Die Manipulation mit Portionsgrößen
Eine besonders problematische Marketingstrategie betrifft die Angabe der Portionsgrößen. Verbraucherschützer weisen ausdrücklich darauf hin, dass manche Hersteller unrealistisch kleine Portionsgrößen angeben, um bessere Nährwerte pro Portion zu suggerieren. Während die einen mit 30 oder 40 Gramm rechnen, geben andere 80 Gramm als Portionsgröße an.
Diese unterschiedliche Handhabung erschwert den direkten Vergleich zwischen Produkten erheblich. Ein Granola mit 15 Gramm Zucker pro 100 Gramm wirkt harmlos, wenn die Portion mit nur 30 Gramm angegeben wird. Wer jedoch eine normale Frühstücksschüssel mit 60 bis 80 Gramm füllt, nimmt entsprechend mehr Zucker auf, als die prominente „pro Portion“-Angabe vermuten lässt.
Praktische Tipps für bewusste Kaufentscheidungen
Verbraucher sind der Marketingmaschinerie nicht schutzlos ausgeliefert. Mit einigen einfachen Strategien lassen sich irreführende Verkaufsbezeichnungen durchschauen. Die Nährwerttabelle sollte immer vor dem Produktnamen beachtet werden – orientieren Sie sich ausschließlich an den objektiven Zahlen pro 100 Gramm, nicht an emotional aufgeladenen Begriffen oder den Angaben pro Portion. Die Zutatenliste genau zu lesen ist ebenfalls entscheidend, denn die Reihenfolge verrät, wovon am meisten enthalten ist. Steht Zucker unter den ersten drei Zutaten, ist das ein Warnsignal.
Scannen Sie die komplette Liste nach verschiedenen Süßungsmitteln und addieren Sie diese gedanklich. Achten Sie auf die Nährwertangaben pro 100 Gramm statt pro Portion, da Portionsgrößen zwischen Herstellern stark variieren. Ein kritischer Blick auf Claims lohnt sich ebenfalls: Aussagen wie „ohne Zuckerzusatz“ bedeuten nicht zuckerfrei – Trockenfrüchte liefern ebenfalls erhebliche Zuckermengen. Der Markt bietet eine große Bandbreite, und Produkte mit unter 10 Gramm Zucker und unter 10 Gramm Fett pro 100 Gramm sind durchaus erhältlich.
Selbstgemachtes als Alternative
Die beste Kontrolle über Inhaltsstoffe hat man bei selbst zubereitetem Granola. Mit Haferflocken, Nüssen, etwas Honig oder Ahornsirup und Pflanzenöl lässt sich im Backofen ein knuspriges Müsli herstellen, dessen Zusammensetzung vollständig transparent ist. Der Zuckergehalt kann dabei nach persönlichem Geschmack deutlich reduziert werden.
Der mündige Verbraucher im Spannungsfeld des Marketings
Die Diskrepanz zwischen Produktnamen und tatsächlichem Inhalt bei manchen Granola-Produkten zeigt exemplarisch ein grundsätzliches Problem der modernen Lebensmittelindustrie. Gesundheitsbewusste Konsumenten werden gezielt mit irreführenden Bezeichnungen angesprochen, während die problematischen Aspekte eines Produkts verschleiert werden.
Die Marktanalyse zeigt jedoch auch: Es gibt erhebliche Qualitätsunterschiede. Während drei Viertel der Produkte das Orientierungskriterium von maximal 20 Gramm Zucker pro 100 Gramm einhalten, liegt ein Viertel darüber. Wer sich die Zeit nimmt, Nährwerttabellen zu vergleichen, findet durchaus Produkte mit akzeptablen Werten.
Diese Praxis ist nicht nur aus ethischer Sicht fragwürdig, sondern trägt auch zur weit verbreiteten Fehlernährung bei. Menschen, die bewusst versuchen, sich gesünder zu ernähren, können durch geschicktes Marketing in die Irre geführt werden und konsumieren unwissentlich mehr Zucker und Fett als gewünscht.
Aufklärung und kritisches Konsumverhalten sind daher unverzichtbar. Jeder Griff ins Supermarktregal sollte von der Frage begleitet sein: Was steckt wirklich drin? Nur wer sich die Zeit nimmt, hinter die glänzende Fassade verlockender Produktnamen zu blicken, kann fundierte Entscheidungen für die eigene Gesundheit treffen. Granola mag knusprig und lecker sein – ob es auch gesund ist, entscheidet nicht der Name auf der Verpackung, sondern ausschließlich die Liste der Zutaten und Nährwerte.
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